Deutscher Gewerkschaftsbund

25.03.2019

After-Work-Gespräche 2019: „Wenn Worte nicht mehr reichen!“

Gewalterfahrungen im beruflichen und ehrenamtlichen Kontext Thema der ersten Gesprächsrunde in 2019

„Wenn Worte nicht mehr reichen!“ ist das Thema der After-Work-Gespräche 2019, die die Katholische Arbeitnehmer/innen- und Betriebsseelsorge, das Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN und der DGB auch in diesem Jahr wieder veranstalten.

Den Auftakt bildete am 21. März das Thema „Gewalt im beruflichen und ehrenamtlichen Kontext“. Im Mittelpunkt stand der Austausch zu Gewalt-Erfahrungen. Heike Miehe  (ZGV der EKHN) hob in ihrer Begrüßung hervor, dass bei den After-Work-Gesprächen vor allem auch der kollegiale Austausch von Bedeutung sei. Mit interessanten Gesprächspartnern könnten so Themen aus verschiedenen Blickwinkeln angegangen werden. Die Reihe der After-Work-Gespräche sei ein Veranstaltungsformat, das sich bewährt habe.

 

Indizien, dass die Gesellschaft „ruppiger“ geworden ist

 

Kai Partenheimer, politischer Referent beim DGB führte in das Thema ein. Er definierte die vielfältigen Formen von Gewalt, wie sie Menschen heute im ehrenamtlichen und hauptberuflichen Kontext begegnen könnten. Gerade für Mitarbeitende im Dienstleistungs-, Gesundheits- und Verkehrsbereich, in den Schulen und den „Blaulichtberufen“ sei heute die Gefahr mit Gewalt konfrontiert zu werden groß. Mehrere Risikofaktoren kämen hier zusammen, sagte er. Und auch die Folgen der Gewalterfahrungen sind vielfältig, stellte Kai Partenheimer fest. Die Berufsgenossenschaft nenne sogar 1-3 Todesfälle im Jahr.  Aber vor allem die psychischen Folgen aufgrund persönlicher Gewalterfahrung stünden im Vordergrund. Allein 2016 wurden 10.432 Menschen als Opfer registriert. Die Dunkelziffer dürfte noch weit darüber liegen. „Dies alles sind Indizien dafür, dass die Gesellschaft ruppiger geworden ist.“ Die Frage, wie Mitarbeiter geschützt werden könnten, beantwortete Kai Partenheimer, dass die Unternehmen eine klare Linie gegen Gewalt jeglicher Form haben müssten. Notwendig sei eine Null-Toleranz-Politik; Mitarbeitende müssten durch präventive Vorkehrungen geschützt werden, Betroffene betreut und Straftaten verfolgt werden, so der Referent des DGB.

Kai Partenheimer und Heike Miehe

Kai Partenheimer und Heike Miehe Orthlauf-Blooß

 

Sind Bodycams, Deeskalationstrainings und Präventionsschulungen eine Hilfe?

 

Sebastian Hamann, Mitglied im Landesvorstand der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) berichtete von seinen Erfahrungen als Zugbeleiter. Bei der Bahn träfen mehrere Besonderheiten zusammen. Für einen Zugbeleiter seien die Konfliktsituationen vorprogrammiert. Bereits normale Fahrkartenkontrollen sind manchen Fahrgästen schon zu viel, berichtete Hamann. Wenn dann noch der Fahrausweis fehlt, ist der Konflikt und vielleicht der Übergriff da. Eine Deeskalation sei im Zug aber nur schwer zu machen. Auch Unterstützung durch die Polizei sei zeitnahe nur selten möglich; die Bundespolizei sei deutlich unterbesetzt, stellte Hamann fest. Allein im Netz der Deutschen Bahn wurden im letzten Jahr mehr als 2000 Körperverletzungen aktenkundig. Auch hier dürfte die Dunkelziffer viel höher ausfallen. Hamann ging auf die Problematik ein, einen Täter anzuzeigen. Nur wenige Anzeigen würden letztendlich geahndet. Manche Kontrolleure hätten hier eine Hemmschwelle, was er gut nachvollziehen könne. „Sie überlegen es sich zweimal, ob sie Anzeige erstatten, wenn sie damit rechnen müssten, am nächsten Tag dem Täter alleine im Zug oder auf dem dunklen Nachhauseweg zu begegnen. Lösungsansätze sieht er darin, besonders in den Randzeiten im Einsatz von zwei Zugbegleitern im Team, von sogenannten Bodycams sowie Deeskalationstrainings und Präventionsschulungen für die Mitarbeiter.

Sebastian Hamann und Ben Praße

Sebastian Hamann und Ben Praße Orthlauf-Blooß

 

Körperliche und verbale Attacken werden  heute von den Dienststellen viel konsequenter verfolgt

 

Uli Bohland von der Mainzer Berufsfeuerwehr berichtete über seine Erfahrungen bei der Feuerwehr und im Rettungsdienst. Alle „Blaulichtberufe“, wie Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst seien in unterschiedlicher Weise mit Gewalt konfrontiert, stellte er fest. Nach seinen Beobachtungen habe sich die Situation allerdings in den letzten Jahren verbessert. Grund sei, dass „körperliche und verbale Attacken gegen Mitarbeiter heute von den Dienststellen viel konsequenter verfolgt würden. Das schrecke ab!“ Bei der Feuerwehr der Stadt Mainz sei eine gute Sorge des Arbeitgebers um die Mitarbeiter gegeben. Auch das entlastende Miteinander, die kollegiale Hilfe am Arbeitsplatz werde gefördert. Auf eine besondere Form psychischer Gewalt wies Bohland hin, wenn die Rettungskräfte und auch die Kollegen der Bahn mit schlimmen Unfall- und Selbstmordsituationen konfrontiert sind. Auch wenn Kinder Opfer seien, sei eine Nachsorge besonders wichtig, damit es nicht zu psychischen Spätfolgen bei den Mitarbeitern komme.

 

Präventive Maßnahmen sind erforderlich, damit es an Spieltagen erst gar nicht zu Gewalt kommt

 

Ben Praße ist seit sechs Jahren als hauptberuflicher Fanbeauftragter beim Fußballverein Mainz 05 tätig. Er stellte fest, dass der Fußball ein unheimlich emotionaler Bereich sei. Gewalt gäbe es vor allem verbal. „Macht sie platt, schießt sie aus der Stadt“ oder „Schiri, wir wissen wo dein Auto steht“ seien so Sprüche, die immer wieder im Chor gerufen werden. Aggression sein vorhanden, nicht nur auf den Rängen, sondern auch auf dem Platz. „Nicht umsonst haben Schiedsrichter die Rote Karte, die sie bei Verstößen ziehen können.“ Entgegen der Wahrnehmung seien die gewalttätigen Auseinandersetzungen von Fans eindeutig rückläufig. Dies belegten die Zahlen. Seine Aufgabe beschrieb er in der Kooperation mit den Fans, den Ordnungs- und Rettungskräften. Es gelte pro aktiv präventive Maßnahmen zu ergreifen, damit es an Spieltagen erst gar nicht zu Gewalt kommen könne. So müssten die Anreisewege beachtet und eine Trennung der Fangruppen erfolgen. Eine Vision von Fußball ohne Aggression hält Ben Praße für nicht realistisch. Aber es sei möglich, Auswüchse einzudämmen.  Als eine Ursache  machten die Gesprächsteilnehmer den Alkoholkonsum aus. Dies spiele natürlich immer eine Rolle, räumt Praße ein, aber entscheidend sei oft das Aufschaukeln der Emotionen, die dann zu heftigen Auseinandersetzungen führen könnten. Dennoch hält Benn Praße von einem generellen Alkoholverbot im Stadion wenig. Das Problem sei, dass sich die Leute dann schon auf dem Anreiseweg betrinken. Konflikte sind dann schon beim Einlass vorprogrammiert.

alle Diskutanten

Orthlauf-Blooß

 

Das nächste After-Work-Gespräche ist am 28. März, ab 17.30 Uhr, im Jugendhaus Don Bosco, Am Fort Gonsenheim 54, 55122 Mainz statt.

 

Gefängnisseelsorger Hubert Frank wird auf den Umgang mit Aggressionen eingehen. Destruktives Verhalten hat viele Gesichter. Beleidigungen, Beschimpfungen, ignorieren von Regeln und manchmal auch massive Drohungen. Wie können wir deeskalieren? Wie gehen wir mit der eigenen Wut im Bauch um? Dies sind die Fragestellung an Hubert Frank. Er macht auch deutlich, dass Aggression auch eine positive Lebensenergie ist, die wir brauchen, um unser Leben zu gestalten.

Weitere Informationen: www.arbeitswelt-bistum-mainz.de


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